
Vor der Küste der Kanareninsel La
Gomera leben über 20 verschiedene Wal- und Delfinarten
wie zum Beispiel Grindwale, Tümmler, Fleckendelfine
oder die seltenen Rauzahndelfine und Schnabelwale. Eine
Artenvielfalt, die man kaum sonst auf der Welt findet.
Wer diesen faszinierenden Geschöpfen
einmal in ihrem natürlichen Lebensraum begegnen möchte,
ist reif für diese Insel. Ein Berliner Biologe setzt
sich hier für das" sanfte" Whale- Watching
ein. Mit einem sinnvollen Projekt, das Tiere und Menschen
glücklich macht.
Sanftes Whale-Watching
Nur wenige Touristen wissen, was das ist und warum es
so wichtig ist. Aufgrund mangelnder Informationen sind
vielen die Auswirkungen nicht bewusst, wenn sie bei irgendeinem
Veranstalter eine Walbeobachtungstour buchen. Das Problem
z. B. in Südteneriffa ist gravierend: "An 350
Tagen im Jahr fahren täglich ca. 30 Boote mit bis
zu 250 ungeduldigen Wal-Touristen zu nah oder gar mitten
in die Tiergruppen hinein", erklärt der Biologe
Fabian Ritter. "Gerade in den Morgenstunden nach
anstrengenden lOOO-Meter Tauchgängen brauchen die
hier lebenden Grindwale dringend Ruhe zur Regeneration.
Durch diese massiven Störungen finden sie weniger
Zeit, um zu fressen, sich auszuruhen oder den Nachwuchs
zu versorgen. Der Stress kann sie krank machen und gefährdet
die Fortpflanzung", so der Biologe. Vor Teneriffa
werden die Cetaceen ( = die biologische Ordnung der Wale
und Delfine) jährlich von über einer halben
Mio Whale- Watchern besucht. Das ist Weltrekord!
Eine bedenkliche Expansion. Die hier lebenden Tiere gelten
als die am stärksten vom Tourismus beeinflussten
Populationen.
Whale-Watching zum Schutz der Tiere
Es geht auch anders, wie das Projekt M.E.E.R. La Gomera
zeigt, in Form von verantwortungsvollem Ökotourismus:
Walbeobachtung ergänzt mit wissenschaftlicher
Forschung und Öffentlichkeitsarbeit.
Dann "profitieren" auch die Meeressäuger
vom Waltourismus. Beim "sanften" WhaleWatching
werden Wale und Delfine von kleinen und sehr langsam fahrenden
Booten (maximal drei Boote) aus beobachtet. Die Fahrten
stehen dabei immer unter der Leitung von Forschern und
Skippern, die die Gäste informieren und das Verhalten
der Meeressäuger beobachten und dokumentieren wie
z.B. Vorkommen, Verbreitung und Reaktionen der Tiere auf
das WhaleWatching Boot. Die Ergebnisse tragen dazu
Delfinunterricht
mit Diashow und Filmen. Denn schließlich sollte
man wissen, wie sich ein Rauzahndelfin vop einem Großen
Tümmler unterscheidet, welche Arten es vor La Gomera
gibt und worauf es bei den Forschungen ankommt.
Man dürfte meinen, dass die strengen Reglements nur
Begegnungen aus großen Entfernungen erlauben. Doch
unter diesen freundlichen Voraussetzungen sind die Tiere
im wahrsten Sinne "entgegenkommend".
Genau bei dieser Forschungsarbeit kann man M.E.E.R. e.v.
helfen. Insgesamt geht es 7-mal vier Stunden aufs Meer
hinaus, um das Verhalten der Cetaceen zu untersuchen.
Dabei werden die Tiere identifiziert, gezählt, die
Position der Sichtung bestimmt und mittels Diktiergerät
das Verhalten der Meeressäuger aufgezeichnet: Meiden
sie das Boot? Reiten sie in der Bugwelle? Sind sie neugierig?
Da sehen wir ein auffälliges Plätschern in der
Ferne. Fleckendelfine! Sekunden später reiten sie
in unserer Bugwelle. Es sind ungefähr 30 Tiere. Da
sie freiwillig zu uns herankommen, darf das Boot langsam
weiterfahren. Ich liege flach auf dem Bauch und die Delfine
schwimmen genau unter mir, zum Greifen nahe. Eigentlich
wollte ich fotografieren, aber ich bin so überwältigt,
dass ich diesen Moment einfach nur genieße. Ohne
zu übertreiben kann ich behaupten, das ist das Schönste,
was ich je erlebt habe. Vor lauter Staunen darf ich jedoch
nicht meine Aufgaben vergessen. Ich soll die Position
mittels GPS (Global Positioning System) bestimmen und
die Sichtungszeit vermerken.
Die Datenaufzeichnungen der letzten Jahre haben interessante
Ergebnisse geliefert. Es gibt zum Beispiel deutlich mehr
Arten vor La Gomera als bisher angenommen. Auch der seltene
Rauzahndelfin kann hier erforscht werden. Der Biologe
hofft, dass die Forschungsergebnisse bald Grundlage für
internationale Richtlinien sein werden und das Kanarische
Meer zum marinen Schutzgebiet erklärt wird - das
große Ziel von M.E.E.R. e.v.
"Falsches" Whale-Watching
- nur eine Gefahr für die sanften Riesen
Leider gibt noch weit schlimmere Bedrohungen für
die Kanarischen Wale und Delfine als das "falsche"
Whale- Watching. Die Industriefischerei raubt den Tieren
ihre Lebensgrundlage. Hinzu kommen Schnellfähren,
die immer öfter eingesetzt werden. In der Vergangenheit
kam es wiederholt zu Kollisionen mit Walen. Die Umweltverschmutzung
und vor allem die Lärmbelastung tun ihr übriges:
2002 sind auf den Inseln Fuerteventura und Lanzarote 15
der seltenen Schnabelwale gestrandet. Zeitgleich fand
ein groß angelegtes Manöver der Nato statt,
bei dem auch Sonartechnik von enormer Schallstärke
eingesetzt wurde. Die Untersuchung der toten Tiere ergab,
dass mehrere Wale Blutungen im Innenohr aufwiesen, die
möglicherweise durch die starke Schalleinwirkung
entstanden sind. Auch gegen diese Gefahren kämpft
M.E.E.R. e. v..
Grindwale voraus!
Zurück zu unserer Bootstour. Nur eine Stunde später
erwartet uns die nächste Sichtung: Grindwale! Sie
gehören erstaunlicherweise zur Gruppe der Delfine,
obwohl sie bis zu 7 Meter lang und bis zu 3 Tonnen schwer
werden können. Zwischen Teneriffa und La Gomera leben
mehrere Hundert der auch Pilotwale genannten Säuger.
Die Gruppen von meist ca. 20 Tieren ziehen in lebenslang
haltenden Verbänden. Sie bestehen überwiegend
aus Weibchen mit ihren Kälbern und Jungtieren. Interessant
ist, dass sich die Walkühe nur mit Grindwal-Bullen
aus anderen Sippen paaren. So werden die Gene immer wieder
neu gemischt. Unsere Gruppe zieht weniger als etwa 60
Meter vor uns entlang. Deshalb heißt es: Motor aus!
Jede
Art hat ihre eigene Wellenlänge
Interessant sind auch die verschiedenen Charaktere der
einzelnen Spezies. Fleckendelfine sind aufgeweckte Spaßmacher.
Sie sind extrem neugierig und verspielt, und verfügen
über ein Repertoire an akrobatischen Sprüngen.
Wir dürfen sogar beobachten, wie sie sich ganz unbeeindruckt
einige Meter neben unserem Boot paaren. Große Tümmler
sind gemächlicher. Ihr Verhalten gegenüber dem
Boot variiert von scheu bis neugierig. Besonders auf hoher
See beeindrucken sie mit kraftvollen Sprüngen.
Delfine und Wale verfügen über
die komplexesten Verhaltensmuster und ausgeprägtesten
Sozialbindungen aller Meerestiere. Bei einer Rauzahndelfin
- Mutter konnte man beobachten, wie sie tagelang in Obhut
der Delfinschule ihr totes Kalb in Maul mit sich trug.
Wenn man bedenkt, dass Wale mit einer Lebenserwartung
von 40-60 Jahren maximal 10 Kälber zur Welt bringen
können, ist es um so verständlicher, dass sie
eine besonders enge Bindung zu ihren "Meereskindern"
haben. Weibchen werden übrigens erst mit etwa 9 Jahren
geschlechtsreif, Männchen ab 16 Jahren...
Enorm, was man in 14 Tagen alles über die schönen
Säugetiere lernt!
Alles ist still. Die Tiere sind ab getaucht
und wir starren gebannt auf das Meer. Und dann ist er
auf einmal da, der unvergessliche Moment in meinem Leben:
Plötzlich tauchen sie wie U-Boote unmittelbar rund
um unser kleines Boot auf und nehmen uns unter die Lupe.
Mein Herz schlägt mir vor Freude bis zum Hals. Diese
Begegnung mitten auf dem Meer trifft mich mitten in Herz!
Um diesen Moment irgendwie "festzuhalten" probiere
ich mich im Fotografieren der 1.000 Meter-Taucher.
Die Fotostudien sind ein wichtiger Teil der Forschungsarbeit.
Denn anhand der Rückenflossen kann man die Tiere
wieder erkennen und später im Vergleich feststellen,
ob die Gruppe kleiner oder größer geworden
ist.
Die Magie der Begegnung
Von Begegnungen mit Walen bleibt kaum jemand unbeeindruckt.
Die Tiere so nah in Freiheit zu sehen ist ein Erlebnis,
das keinen so schnell loslässt. Sogar die ruhigeren
Teilnehmer robben jetzt bis zum Bug und rufen: "Unglaublich"!
Jeder nimmt ein Leuchten in den Augen mit nach Hause.
Faszinierend, die Anwesenheit dieser Tiere macht einfach
glücklich!